2. Basisübungen am Boden – Was junge Pferde lernen können Teil 1
[13.02.2004 • Autor: Hannah Frie]


Heute möchten wir Ihnen erste Übungen vom Boden aus vorstellen, die quasi zur Grundausbildung eines Pferdes gehören, den alltäglichen Umgang enorm erleichtern und die Basis für die weitere Ausbildung darstellen. Wann kann bzw. sollte man mit diesen Übungen beginnen? Nun, diese Frage ist wiederum nicht pauschal zu beantworten. Folgende Faktoren spielen dabei eine Rolle:

Langweilt sich Ihr Jungpferd?
o Die Unterbringung des jungen Pferdes: Steht Ihr Jungspund weit ab, auf einer großen Weide mit vielen Kameraden, wird er kaum unter Langeweile und Bewegungsmangel leiden. Zudem sind Erziehungsübungen auf der Weide und ohne ruhigen Übungsplatz schwer durchführbar. Steht Ihr junges Pferd hingegen quasi ‚hinterm Haus’ bzw. mit Ihren Reitpferden oder nur wenigen Jungpferden auf einer eher kleinen Fläche zusammen, dann langweilt es sich unter Umständen bald und wird kaum gefordert.
o Art und Umfang des Trainings: Wichtig ist, was und vor allem, wie lange und wie oft man etwas mit jungen Pferden übt. Wie Kinder können sich auch junge Pferde nicht lange konzentrieren. Tägliches Trainieren kann sie schnell geistig überfordern, gelegentliche und kurze Übungseinheiten sind sinnvoller. Auch körperlich sollte man Überforderungen vermeiden und junge Pferde zum Beispiel nicht auf engen Zirkeln und in hoher Geschwindigkeit durch einen Longierzirkel scheuchen.
o Entwicklungsstand und Alter: Auch innerhalb einer Rasse gibt es Pferde, die länger für ihre körperliche und geistige Entwicklung benötigen als andere. Daher kann man nicht pauschal sagen, ab wann, welcher Isi, was machen darf. Hinweise über den Entwicklungsstand geben zum einen der Körperbau und die Muskulatur des Pferdes: Steht das Pferd noch sehr im Jungpferdetyp oder sieht es schon mehr nach einem ‚fertigen’ Pferd aus?  Zum anderen muss natürlich die geistige Reife berücksichtigt werden: Hat man den Eindruck, dass das Jungpferd sich nur sehr schlecht konzentrieren kann oder vielfach verwirrt und verunsichert bei Übungen reagiert, kann es sinnvoll sein, es noch einmal einige Monate oder auch ein Jahr in Ruhe groß werden zu lassen.

Meine persönliche Auffassung: Wenn Ihr Jungpferd gut entwickelt ist und Sie das Training nicht übertreiben, können Sie unsere Übungen mit einem etwa drei/vier-jährigen Pferd beginnen. Beim Training sollten Sie aber Folgendes beachten:

o Nicht zu oft, nicht zu lange und nicht zu intensiv üben! Schließlich soll Ihr Pferd das Lernen mit dem Menschen positiv verknüpfen!
o Versuchen Sie immer, so wenig Hilfen wie möglich einzusetzen. Benutzen Sie etwa zunächst Ihre Körpersprache zum Anhalten, bevor Sie wie wild am Strick ziehen. Ihr Pferd soll lernen, auf feine Hilfen zu reagieren. Zudem haben Sie so immer noch eine Möglichkeit, die Hilfe bei Ausbleiben einer Reaktion zu verstärken.
o Loben Sie jeden kleinsten Schritt in die richtige Richtung, damit Ihr junges Pferd weiß, wann es sich auf dem richtigen Weg befindet. Erwarten Sie anfangs nicht immer sofort optimale Reaktionen. Helfen Sie Ihrem Pferd, indem Sie es viel loben!
"Gut gemacht!"
o Ob man zum Loben Futter einsetzt oder nicht, ist wiederum Ansichtssache. Bei eher scheuen, sensiblen Pferden ist Lob mit Futter eher zu empfehlen als bei etwas frecheren Vierbeinern. Wenn man konsequent nur zur Belohnung füttert, betteln Pferde eigentlich nicht. Falls die Rangordnung zwischen Mensch und Pferd noch nicht ganz geklärt ist, sollten Sie besser auf Futter verzichten.
o Man kann genauso gut durch seine Stimme („prima“, „richtig“ o.ä.) oder durch Streicheln/Kraulen (vor allem am Mähnenkamm) belohnen. Beim kräftigen Klopfen zur Belohnung sollten Sie bei Jungpferden etwas aufpassen: Empfindlichere Pferde werden dies vielleicht nicht als Lob verstehen und sich eventuell erschrecken!
o Wenn Sie unsicher sind, Probleme beim Üben haben, nicht mehr weiter wissen usw., dann wenden Sie sich im Zweifelsfall besser an einen erfahrenen Jungpferde-Trainer!

Bevor es an die eigentlichen Übungen geht, sollten Sie kontrollieren, ob Ihr Pferd folgende Dinge kennt:

Karabinerhaken seitlich am Halfter eingehängt.
o Sie können es einfangen, aufhalftern, zumindest ‚irgendwie’ von A nach B führen und anbinden. Vorsicht beim Anbinden: Sicherheitshalber sollten Sie den Karabinerhaken seitlich am Halfter einhängen. So bekommt das Pferd keinen unangenehmen Genick-Ruck, wenn es einmal zurückziehen sollte. Zusätzlich können Sie den Strick zweimal um den Balken schlingen, bevor Sie einen Sicherheitsknoten machen. So kann sich der Strick nicht so leicht festziehen und er ist im Bedarfsfall schnell zu lösen. Binden Sie das Pferd nicht zu lang an, sonst könnte es sich im Strick verheddern und Panik bekommen. Ist Ihr Pferd sehr scheu und ängstlich, ist es unter Umständen besser, es erst gar nicht anzubinden, sondern von jemandem halten zu lassen.
Nur bei schon erfahrenen Pferden sollten Sie diese Übung angebunden üben!
o Auch bei folgendem Test ist es sicherer, das Pferd nicht anzubinden! Können Sie Ihr Pferd überall berühren, es mit der flachen Hand abstreichen und auch leicht klopfend über den Körper fahren? Wenn alles gut klappt, können Sie an verschiedenen Tagen auch immer mal wieder ungewöhnliche Tücher, Tüten, Folien, Regenjacken u.ä. mitbringen, sie dem Pferd zeigen, es damit berühren, damit streicheln, die Dinge auf den Rücken legen und (bitte nicht angebunden!) auch mal über den Hals, den Rücken, die Kruppe runterrutschen und auf den Boden fallen lassen. Auch das Abstreichen mit der Gerte, mit Longen, mit einer Satteldecke ist für die weitere Arbeit sehr wichtig.
Manchmal genügen kleinste Signale, damit das Pferd ein Stück zur Seite tritt.
o Das Pferd sollte zudem ein gewisses Benehmen am Anbindebalken zeigen: gesittet stehen ohne scharren, herumtänzeln usw., sich putzen lassen, die Hufe geben und beim Auskratzen ruhig halten. Wenn Sie das Pferd seitlich an der Flanke/Kruppe leicht mit dem Finger berühren (bei manchen Pferd reicht es schon, nur seinen Oberkörper groß zu machen und auf die Flanke/Kruppe zu zugehen), dann sollte es zur Seite treten.

Nun kann es losgehen. Unsere Basisübungen sind heute das Führen, das Anhalten/Antreten und das Wenden. In den nächsten Folgen kommt natürlich Weiteres hinzu. Nicht jedes Pferd reagiert auf jede Hilfengebung gleichermaßen gut, daher stellen wir verschiedene Möglichkeiten dar, eine Übung auszuführen.

Zum Übungsort:

o Solange die Grundlektionen noch nicht sicher sitzen, sollten Sie möglichst auf einem gut eingezäunten Gebiet, am besten auf einem Reitplatz, Longierzirkel/Round Pen oder in einer Reithalle, üben. Ansonsten können Sie sich vielleicht einen kleinen Übungsplatz auf der Weide abstecken.

Zur Ausrüstung:

o Mensch: Zur eigenen Sicherheit sollten Sie beim Üben immer Handschuhe und festes Schuhwerk mit gutem Profil tragen. Eine lange Gerte soll die Hilfengebung verdeutlichen; das Pferd soll keine Angst vor ihr haben.
o Pferd: Die Ausrüstung des Pferdes hängt von der Sensibilität und dem Charakter Ihres Pferdes sowie von Ihren persönlichen Vorlieben ab. Sie können nur mit Halfter und Führstrick arbeiten, wenn ihr Pferd nicht zum Losstürmen oder Losreißen neigt. Bei Führketten sollten Sie beachten, dass die Glieder oft etwas grob für den Kopf eines Islandpferdes sind und, dass sich die Ketten schnell festziehen. Bevorzugen Sie ein leichtes Modell. Auch ein passender, nicht zu grober Kappzaum eignet sich gut für diese Bodenarbeit.

1. Das Führen:

o Ziel: Das Pferd soll dem Menschen willig und aufmerksam folgen. Es soll sich weder mitschleifen lassen noch ständig drängeln oder den Menschen überholen.
o Position des Menschen: Umstritten ist die Position des Menschen: Soll er vor dem Pferd hergehen, auf Kopfhöhe oder auf Schulterhöhe des Pferdes? Bei etwas fauleren Pferden empfiehlt es sich, etwa auf Schulterhöhe mitzugehen, damit man die Hinterhand des Pferdes per Gerte gut erreichen und sie im Bedarfsfall antippen kann. Bei eiligen Pferden sollte man etwas weiter vorne bzw. vor dem Pferd hergehen, um bremsend einzuwirken.
o Mögliche Probleme: Das Pferd kommt nicht mit, bleibt ängstlich zurück oder lässt sich nur hinterherziehen? Nehmen Sie eine Position auf Schulterhöhe ein, ermuntern Sie das Pferd vorsichtig mit der Stimme, weisen Sie mit der Gerte in Richtung Hinterhand oder tippen Sie vorsichtig seine Hinterhand mit der Gerte an. Bei sehr verunsicherten Pferden nimmt man am besten einen Helfer hinzu, der  - außer Reichweite der Hinterhufe – vorsichtig seitlich versetzt hinter dem Pferd hergeht. Vielleicht ist allein der hinterher gehende Mensch schon treibend genug; ansonsten kann der Helfer noch per Stimme oder Gerte treiben, bis das Pferd verstanden hat, dass es neben dem Menschen hergehen soll.
Das Pferd will an Ihnen vorbeizischen? Dies kann unter Umständen auch auf Unsicherheit beruhen – oder auf Frechheit! Ein ängstliches Pferd sollten Sie streicheln und beruhigen und es dann erneut versuchen. Generell sollten Sie eher vor dem Pferd hergehen und sich selber groß machen. Versuchen Sie vorsichtig mit Ihren Füßen über den Boden zu schleifen, dies wirkt bei empfindlichen Pferden stoppend (sofern es nicht zu heftig geschieht). Sie können zudem die Gerte vor den Pferdekopf halten (mindestens 30cm Abstand) und bei frechen Pferden kurz am Führstrick rucken.

Versuchen Sie, selbst abrupt zu stoppen.
2. Das Anhalten:

o Ziel: Das Pferd sollte nach dem Erhalt des entsprechenden Kommandos prompt und zuverlässig anhalten und auch eine Weile ruhig stehen bleiben.
o Position des Menschen: Die Hilfengebung ähnelt der, wie sie oben zum Abbremsen des eiligen Pferdes verwendet wurde. Sie können probieren, ob Ihr Pferd schon anhält, wenn Sie selbst abrupt stoppen, dabei einen kleinen Hüpfer nach vorne machen oder mit den Füßen über den Boden schleifen. Zusätzlich können Sie einen Arm mit gespreizter Hand vor den Pferdekopf heben (wieder mit einem Mindestabstand von etwa 30cm, damit das Pferd die Hand sehen kann). Klappt dies gut, können Sie zusätzlich das entsprechende Stimmkommando zum Halten („Hoo“, Haalt“ o.ä.) einführen, so dass Ihr Pferd irgendwann auch nur noch auf Stimme anhält und Sie die Hilfen minimieren können. Ist Ihr Pferd eher stur, können Sie versuchen, es mit einem Ruck am Strick und/oder der Gerte vor dem Pferdekopf anzuhalten. Lassen Sie das Pferd anfangs nur kurz stillstehen und dehnen Sie die Zeit des ruhigen Stehens langsam aus.
o Mögliche Probleme: Ein sehr stures Pferd ignoriert alle Hilfen? Wenn Sie wissen, dass das Verhalten auf Frechheit beruht, kann auch schon mal ein energischeres Rucken erforderlich sein und eine Führkette oder ein Kappzaum sind vonnöten.

3. Das Antreten:

o Ziel: Das Pferd soll ohne Zögern und willig auf das entsprechende Kommando hin antreten.
o Position des Menschen: Diese Übung ähnelt dem oben beschriebenen Führtraining. Sehr willige junge Pferde folgen vielleicht schon dem Menschen, wenn sich dieser in Bewegung setzt. Bei etwas ruhigeren Vertretern kann man sich wie beim Antreiben auf Schulterhöhe begeben, schnalzen oder mit der Gerte an die Hinterhand tippen. Zudem führen Sie ein Stimmkommando zum Antreten ein („Komm“, „Los“ o.ä.), so dass das Pferd bald auch nur auf Stimme hin antritt.
o Mögliche Probleme: Weigert sich das Pferd, sich in Bewegung zu setzen, so kann man ein ängstliches Pferd erst einmal ein wenig streicheln und vorsichtig mit der Stimme aufmuntern. Bei einem eher sturen Pferd kann wieder ein Helfer hinterhergehen und zum Antreten per Stimme/Gerte animieren.

Links: Wenden vom Menschen weg. Rechts: Wenden zum Menschen hin.

4. Das Wenden:

o Ziel: Das Pferd soll sich vom Menschen weg ohne Probleme abwenden lassen. Auch das Wenden zum Menschen hin kann geübt werden.
o Position des Menschen: Sie befinden sich im Schritt. Gehen Sie nun nicht zu weit vor dem Pferd her, sondern am besten etwa auf Kopf-/Schulterhöhe, richten Sie Ihren Oberkörper auf, machen Sie sich groß und tun Sie so, als wollten Sie das Pferd quasi mit dem Oberkörper von sich weg schieben (aber sie tun es nicht wirklich!). Schauen Sie in die Richtung, in die Sie gehen wollen. Zusätzlich kann der ausgestreckte Arm mit der Gerte in die gewünschte Richtung weisen oder auch etwas wedeln. Soll das Pferd sich zum Menschen hin wenden, dann wenden Sie selbst betont in die entsprechende Richtung und drehen Ihre zum Pferd zeigende Schulter selber deutlich in die gewünschte Richtung. Schauen Sie auch hierbei in die Richtung, die Sie einschlagen möchten. Eventuell ist ein zusätzliches Zupfen am Führstrick oder Treiben erforderlich.
o Mögliche Probleme: Das Wenden vom Menschen weg kann dominante Pferde eventuell zu Abwehrreaktionen provozieren. Also: Vorsicht! Pferde, die nicht von Ihnen weg wenden wollen, können Sie auch mit einem Finger oder mit dem Gertenknauf an der Ganasche von sich wegdrücken.


Achtung: Unsere Tipps sind zwar sorgfältig erwogen und aus dem eigenen Erfahrungsschatz, dennoch übernehmen wir keine Garantie für deren Richtigkeit und auch hier gilt: Im Zweifel immer fachkundige Hilfe einholen!









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